- Resilienz stammt von lat. resilire „zurückspringen, abprallen“
- Ursprünglich stammt der Begriff aus der Technik: Er beschreibt, wie gut es einem Gegenstand gelingt, nach äußerer Einwirkung wieder in seinen Ursprungszustand zurückzugelangen, z.B. einem Ball, der beim Wurf an eine Wand zusammengedrückt wird und sich dann wieder entfaltet.
- Auf andere Sinnfelder (Psychologie, Soziologie, Ökonomie u.a.) übertragen wurde ein Verständnis des Begriffs entwickelt, das den Umgang der jeweiligen Entitäten (Subjekte, Gesellschaften, Unternehmen, staatl. Institutionen) mit externen Störungen ausdrücken soll. Resilienz meint hier die Fähigkeit dieser Entitäten, nach externen Störungsereignissen wieder in ihren sog. Normalzustand zurückzukehren.
- Resilienz in Bezug auf den Menschen
Eingebettet in einen seit Jahrhunderten laufenden dialektischen Prozess der Sensibilisierung, zumindest in westlich geprägten Gesellschaften, ist Resilienz sozusagen das Gegenmittel gegen die Leiden, die diese Sensibilisierung mit sich bringt. Wir sind heute in der Lage, feinste psychische Erlebnisse zu beschreiben und auch zu problematisieren. Das ist einerseits wünschenswert, bringt aber andererseits das Problem einer Übersensibilisierung mit sich: Bereits kleine Ereignisse können bei Menschen ein Trauma auslösen. Dem liegt die Autonomie des Einzelnen zugrunde, der zufolge er (oder sie) benennt, ob und wodurch er traumatisiert wurde, keiner externen Instanz (z.B. Arzt oder Psychologe). Mit Resilienz in der psychologischen Deutung ist, salopp ausgedrückt, gemeint, sich nicht so schnell unterkriegen zu lassen. Manche gehen weiter und sprechen davon, nicht zu verweichlichen und meinen mit Resilienz so etwas wie eine Haltung des „Was mich nicht umbringt, macht mich nur hart“. Hinzu kommt in unserer Zeit die sog. „Positive Psychologie“, die den Anspruch auf Wahrnehmung von Gefühlen ausschließlich auf die positiven erhebt. Dem Einzelnen wird auferlegt, Ereignisse und die daraus resultierenden Emotionen positiv zu deuten, kurz gefasst ist alles gut oder zu etwas gut. Dadurch entsteht mitunter großer Druck für den Einzelnen, denn negative Gefühle sind nun einmal da und gehören zum Leben dazu. Insgesamt kann der oder die Einzelne da schon starken sozialen Druck empfinden, mit negativen Gefühlen resilient oder positiv umdeutend umgehen zu müssen, um gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen. Er/sie soll möglichst „normal“ weiterfunktionieren, trotz mglw. einschneidender Ereignisse. Wie gut ihm oder ihr das gelingt, das soll das Konzept der Resilienz hier ausdrücken.
- So wie der Begriff „Qualität“ im Alltagsverständnis positiv aufgeladen ist, obwohl er strenggenommen weder eine positive noch eine negative Konnotation enthält, ist es auch mit dem der Resilienz. Er wird grundsätzlich für ein positives Konzept gehalten, was er strenggenommen nicht ist. Er beschreibt nur eine bestimmte Eigenschaft, wie oben vorgestellt. Allerdings braucht er dafür eine Begleiterin: die Normalität.
- Das Konzept der Resilienz ist ohne Rückgriff auf das der Normalität nicht sinnvoll. Und der Begriff des Normalen, der Normalität, ist schillernd. Sehen wir uns seine Verwendung in diesen Zeiten an. Die Pandemie hat die Widerstandsfähigkeit ganzer Gesellschaften, ihrer staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen, Unternehmen und Individuen -also von allem- herausgefordert, indem sie zum Abweichen vom Normalen gezwungen wurden. Sie hat ihnen gezeigt, wo sie gut mit völlig unerwarteten Ereignissen umgehen können und wo nicht. Ein in diesem Zusammenhang immer wieder angeführter Bereich ist die Digitalisierung. Die Pandemie hat staatlichen Institutionen ihren jahrzehntelangen Tiefschlaf in dieser Hinsicht schonungslos aufgezeigt: Gesundheitsämter, Schulen, Meldeketten, Nachverfolgung von Infektionen, Faxgeräte, verzögerte Inzidenzmeldungen an Wochenenden und Feiertagen… Unternehmen hingegen haben sehr schnell und elastisch reagiert. Heute ist jede und jeder an Zoom- und Teams-Meetings gewöhnt, die erforderliche Infrastruktur wurde blitzschnell geschaffen. Klar, das bringt wieder neue Probleme mit sich, nicht alle finden es schön, nur noch im Homeoffice zu sitzen und die Kolleg:innen auf dem Bildschirm zu sehen. Aber die Funktionsweise von Organisationen konnte und kann so fast ohne Unterschiede in der Leistung aufrechterhalten werden, während die der öffentlichen Institutionen an ihre Grenzen kam – und darüber hinaus.
- Kommen wir noch einmal auf die ursprüngliche Bedeutung von „Resilienz“ zurück: Da ist von Rückkehr in den ursprünglichen, den Normalzustand, die Rede. Ist es sinnvoll, nach Ende der Pandemie wieder zur Normalität zurückzukehren, also so zu verfahren wie davor – wenn man das als Normalzustand setzt? Wollen wir in diesem Sinne resilient sein? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir das mit „Nein“ beantworten wollen. Einerseits aus normativen Gründen (Es ist z.B. wahrlich besser, wenn weniger Flugzeuge fliegen und weniger Kreuzfahrtschiffe fahren – aus ökologischen und infektiologischen Gründen), andererseits aus Fakten, die jetzt einfach da sind: Die Möglichkeiten der Online Meetings werden nicht wieder verschwinden und haben bereits neue Arbeitsmodi entstehen lassen, die unter Labels wie „New Work“ oder „Hybrides Arbeiten“ eingeführt sind oder werden. Auch deshalb, weil sie als durchaus positiv erlebt werden. Ein Zurück zum Modell „Arbeitsplatz = Büro im Unternehmen“ wird es nicht geben.
- Wir sollten daher als Gesellschaft in diesem Sinne eher nicht resilient sein, indem wir zu dem Zustand zurückkehren, der vor der Pandemie als normal galt. Eher sollten wir kreativ sein und aus dem Neuentstandenen etwas Gutes entwickeln, eine neue Normalität hervorbringen. Und uns nebenbei vor der Verwendung des Resilienzbegriffs klarmachen, wie und wofür wir ihn verwenden wollen. In diesem Sinne ist also ebenfalls Sensibilisierung hilfreich 😉
